Und sie verlangten Leben und boten nichts (Teil 3)

Donnerstag, 9 März, 2006

Ich stand inmitten der Stadt Sanandaj. Kein Geld in der Tasche und zudem noch Taschen voller Löcher.

Langsam kam das Kind in mir hoch. Ich fing an leise zu weinen während ich nach einen Ausweg suchte und einfach ziellos weiterging. In Teheran hätte mich bestimmt jemand angesprochen und nach mein Problem gefragt. Kurden waren aber selber ein Leiderprobtes Volk. Ich glaube der Anblick eines Jungen mit löchrigen Kleider der die Strassen hoch und runter ging, war dort nichts besonderes. Alle gingen an mir vorbei und ich an Ihnen.

Ich beschloss irgendjemanden anzusprechen und einfach die Wahrheit zu sagen. Ich ging zu einem alten Teehaus wo viele alte Kurden sassen, Teetranken und Backgammon spielten. Hinterher erfuhr ich dass niemand auf dieser Welt die Kurden in ein Backgamon match schlagen könnte. Sie schnitzten die besten und künstlerischsten Backgamons der Welt. Wohl der Nationalsport der Kurden.

Ein Junge kam aus dem Teehaus raus und bediente die Herren mit Tee und Wasserpfeife. Er hatte ein weisses Küchentuch auf sein Schulter. Ich suchte ihn aus um mein Problem mitzuteilen. Er war in meinem Alter, vielleicht ein zwei Jahre älter. Ich ging zu ihm und sagte dass ich ohne meine Eltern dort wäre und einfach nur telefonieren wollte. Ich bräuchte nurmal ein paar kleine Münzen. Er schaute sich um und fragte mich wo denn meine Eltern wären.

>>Sie sind in Teheran

>>Und was machst du hier?

>>Wenn du mir die Münzen geben kannst, dann gib sie mir bitte, ansonsten gehe ich weiter und frag einen anderen

Er schaute sich wieder ein bischen um griff in die Tasche und holte alles raus was er in den Taschen hatte. Lauter Münzen. 2 davon gab er mir. Ich bedankte mich und lief wie verrückt zu der anderen Seite der Strasse wo ein heruntergekommenes öffentliches Telefon stand. Ich rief zuhause an, und als meine Eltern nach 3 Wochen das erste mal meine Stimme hörten, fingen sie an zu heulen. Ich versuchte mit meinem Vater zu sprechen aber er rief nur meinen Namen. Das ging 5 Minuten lang. Ich war pragmatisch mein Vater war einfach nur Emotional weil er wahrscheinlich nicht mehr daran glaubte dass ich lebe.

>>Wo bist du mein Sohn? Wo?

>>In Kurdistan. In Sanandaj

Er fluchte, wie wild, er beschimpfte die Führer und verdammte diesen Krieg. Es war nicht Druckreif. Er wusste wer dafür verantwortlich war dass 11, 12 jährige Söhne für etwas den Kopf hinhalten mussten wofür sie nichts konnten. Das war nicht mein Krieg, auch nicht der Krieg der Iraker. Wir waren einfach nur die Instrummente.

>>Pass auf, ich hab einen alten Freund der unter mir diente als ich noch in der Armee war. Ich war auch in Kurdistan. ich gib dir die Telefonnummer, zufälligerweise habe ich vor 2 Monaten noch mit ihm telefoniert. Ruf ihn an und sag er soll dir Helfen bis ich da bin

>>Ich hab nichts zu schreiben. Ruf du ihn an und sag ihn wo ich bin dann kann er mich hier abholen.

Ich gab den Strassennamen durch und den Namen von dem Teehaus und beschrieb mein äusserliches. Er fing wieder an gedämpft zu heulen als ich dabei war meine Kleidung zu beschreiben damit sein Freund mich dort orten konnte.

Nach ungefähr 45 Minuten kam er. Er nahm mich im Arm, küsste mich auf die Wange und wir fuhren weg. Ich kam an, duschte, bekam neue Kleider und schlief auf dem Sofa ein. Seine Frau deckte mich zu. Ich schlief durch. Das erste mal nach 3 Wochen.

Am nächsten Tag kam mein Vater. Ich dachte er würde ein Feuerwerk der Tränen abbrennen. Es war nicht so. Er hatte sich zuhause in Teheran ausgeheult und kam um mein Problem endgültig zu lösen. Ganz Pragmatisch. Er war Mathematiker.

Er küsste mich überall im Gesicht, hielt mich ganz fest in den Armen und ich hörte ihn leise weinen als er mich drückte. Ich war zu nah an ihn dran um es nicht zu merken. Er liess mich erst dann los, als er vorher seine Tränen wegwischte. Er wollte nicht dass ich es merkte aber ich bemerkte es.

Er kam mit viel Geld und mit ein Plan mich aus dem Land zu schmuggeln. Ich wollte nicht gehen ohne dass ich meine Mutter gesehen hatte. Also blieben wir noch 2 Tage dort bis dann auch meine Mutter nach Sanandaj kam.

Sie organisierten einen Termin mit einen Schmuggler. Er bekam wohl einige tausend Dollar um mich über die Grenze in die Türkei und von dort aus erst nach Istanbul und dann über Bulgarien, Jugoslawien und Tschechei nach Deutschland zu bringen. Von dort aus sollte mein Onkel aus Norwegen kommen und mich zu sich dorthin bringen.

Die Abschiedsszenen waren Grauenvoll. Eine Familie war dabei auseinander zu brechen. Meine Mutter hatte 2 Tage lang nonstop geweint. Ihr Kind, ihr kleines Kind war dabei für immer wegzugehen.

Wir kamen zu der Grenze und ich stieg in ein verstecktes Unterteil eines Lastwagens. Wir kamen locker durch. Es war nur Kalt. Der osten Türkeis ist wie unser Kurdistan: Sehr Kalt, sehr Gebirgig. Wir waren auf dem Weg nach Istanbul. Wir hielten nur Nachts. Der Fahrer war mittlerweile ein Türke und der iranische Schmuggler konnte perfekt türkisch. Er liess mich in abgelegenen Ortschaften manschmal raus und neben sich vorn zu sitzen. Ansonsten sah ich nur Dunkelheit in den eingebauten Unterteil des Lasters. Mein Vater hatte den Schmuggler gut bezahlt. Er versprach mich heil bis nach Deutschland zu bringen.

In Istanbul, übernachteten wir in ein mittelmässiges Hotel. Am zweiten Tag kam der Schmuggler und sagte:

>>Es tut mir leid Junge. Ich kann dich nicht mehr weiter bringe!!

Er hatte sich mit anderen Schmugglern gestritten und wurde verletzt. Sie hatten wohl in der Nacht ein Messersticherei. Jedenfalls war er für ein Schmuggler zumindest so gut dass er mein Aufenthalt in Istanbul für 2 Wochen sicherte indem er aus dem Geld was er von meinem Vater bekam für 2 Wochen im Voraus das Zimmer zahlte in dem ich hauste. Ich war Illegal dort. Er gab mir noch 500 Dollar und zusammen mit dem Geld was mein Vater mir selbst gab, hatte ich insgesamt 1500 Dollar. Allein in Istanbul, verstand kein Türkisch und hatte Angst vor der Polizei. Das wetter jedoch war gut. Ich hatte teilweise schöne Tage dort. Ich ass draussen, telefonierte mit Eltern und erzählte von dem was mir passierte und davon dass ich nun Allein bin und nur noch auf mich selbst zählen kann. Mein Geld neigte sich dem Ende zu und meine 2 Wochen im Hotel waren auch bald rum. Es war nicht nur bald rum, irgendwann wurde es sogar zu Wirklichkeit und ich hatte das Zimmer zu räumen. Ich tat es und schlief ab sofort in den Parks und am Hafen. Ich hatte Glück, die Tage und Nächte waren Warm und es gab keine grösseren Probleme mit der Temperatur. Irgendwann sass ich am Tag am Hafen und schaute mir die Schiffe an die am Bosporus zahlreich hin und her fuhren als auf einmal ein Typ mit mir persisch sprach. Ich drehte mich um und wunderte mich wieso denn dieser unbekannte Typ mit mir persisch sprach. Er wurde zufällig aufmerksam als er an mir vorbei ging und mich pfeifen hörte. Ich pfiff wohl ein persisches Lied und er erkannt es und wusste sofort dass ich nur ein Iraner seien konnte.

Dieser Man war wohl der beste Landsmann den ich jemals davor und lange danach antraf. Er hörte sich meine Geschichte an und sagte dass er leider nicht viel mehr tun könne als mir das verlorene Zimmer wieder zu besorgen und für die nächten 2 Wochen im vorraus zu zahlen. Einfach so. Ich habe nie herausgefunden wie er hiess und was er machte. Er kam mit mir zum Hotel, zahlte mein Zimmer, verabschiedete sich und ging. Es gab wohl noch gute Landsmänner.

…..

Jahre Später studierte ich Architektur in Frankfurt und schlief immernoch in Parks und in der Dresdner Bank. Ich jobte immernoch in Bars, Restaurants, kneipen…

Heute schreibe ich über Banalitäten und sehe das Leben als völlig Sinnlos an. Nein kein depressiver Nihilist. Nach dem was ich gehört, gelesen und gesehen habe – und das ist eine Menge gewesen- kam ich zu dem Schluss dass wir Sinnlos existieren. Dein Leid hat irgendwann auch ein anderer gehabt, die schwere deines Leides wurde bestimmt irgendwo von irgendeinen anderen armen Menschen getoppt. Was du schreibst, hat irgendjemand vor dir in ähnlicher Art und Weise auch geschrieben…

Wir warten auf ein Ende und schlagen unsere Zeit tot bis dahin. Die einen erfinden für sich einen anderen Welt im Himmel nur um dieses Leben auf der Erde zu erleichtern und nur deshalb um sich ein abruptes Ende -was am wahrscheinlichsten ist- nicht vorstellen zu müssen.

Die einzigen Dinge die dieses warten angenehmer gestallten können sind nach meinen Erfahrungen: Lieben, Musik, Sport, Angeln, und das alleinsein mit Schönheiten, ganz egal ob diese Schönheiten in der Natur vorkommen oder bei den Menschen.

Teil 1 und Teil 2

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